Hier ist Bohren und Fräsen Frauensache – Petra Kersting erforscht das Handwerk

Ruhr Nachrichten, 13. Dezember 2012

Für den Hausgebrauch eignen sich die Bohrmaschinen in der Maschinenhalle an der TU Dortmund kaum: Stattliche zwei Meter sind sie hoch und entsprechen damit nicht gerade den Maßen, die der Durchschnittsheimwerker gewohnt ist. Und Herr über die Maschinen ist hier eine Frau: Petra Kersting, 31 Jahre alt und Juniorprofessorin am Institut für Spanende Fertigung (ISF). „Spanende Fertigung“ heißt: Hier wird an Verfahren geforscht, die Späne als Abfallprodukt produzieren. Der Heimwerker ahnt: Es geht ums Bohren, Fräsen oder Schleifen.

Erfrischend anders

Petra Kersting will solche Verfahren optimieren. Dazu simuliert sie vorher am Computer, was die Maschinen in der Halle ausfräsen. „Weil die Werkstücke anfangen zu schwingen oder deformiert werden, ist die Qualität teilweise so schlecht, dass man die Produkte nachher nicht mehr gebrauchen kann“, erklärt Kersting. Der Computer verrät ihr, wie sie solche Probleme verhindern kann: „Es macht zum Beispiel einen Unterschied, wie viel Material auf einmal die Fräsmaschine abträgt. Das ist wie bei einem Buttermesser: Man kann direkt einen ganzen Block Butter abschneiden, oder man kratzt immer nur ein bisschen ab und hat ein viel genaueres Ergebnis.“

Bohren, schleifen, fräsen: Das klingt nach einem Job, der Männeraugen zum Leuchten bringt. Tatsächlich arbeiten vor allem Männer am ISF. Petra Kersting ist die einzige weibliche Abteilungsleiterin. „Klar, man fällt schon irgendwie auf, wenn in einem Raum mit 50 Leuten nur drei Frauen sitzen“, sagt die blonde Frau, aber ein Nachteil sei das nicht: „Dass ich eine Frau bin, war noch nie ein Problem, ganz im Gegenteil. Manchmal gehen wir erfrischend anders an die Dinge heran.“

In Dortmund studierte Kersting Ingenieursinformatik mit dem Anwendungsfach Maschinenbau, es folgte eine schnelle Karriere: Sie promovierte am ISF, wurde mit dem Rudolf-Chaudoire-Preis ausgezeichnet und bekam Anfang 2012 die Juniorprofessur angeboten. Forscherin ist die fröhliche junge Frau leidenschaftlich gerne: „Es ist toll, dass man jeden Tag vor Herausforderungen gestellt wird und dafür kreative Lösungen finden muss.“

Ihre Begeisterung für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, gerne auch „MINT“ abgekürzt, gibt Kersting an Schülerinnen weiter: Privat engagiert sie sich als Mentorin für das Projekt CyberMentor, eine Online-Plattform, auf der sich Mädchen mit Interesse für MINT-Fächer mit Frauen in solchen Berufen austauschen können. Die Mentorinnen sollen Vorbilder sein, junge Frauen zu einem naturwissenschaftlich-technischen Studium zu motivieren. Eben wie Petra Kersting, die selbst beinahe Geschichte studiert hätte – was ihr dann doch zu wenig mathematisch war.

Lesen und joggen 

In ihrer übrigen Freizeit spielen technische Heimwerkerutensilien wie Bohrer oder Fräsen aber keine Rolle. Stattdessen liest Kersting gerne, geht joggen und trifft sich mit Freunden: „Eine Werkstatt steht bei mir definitiv nicht in der Garage.“